Verband der Fleischwirtschaft e.V. - VDF

Meldung vom 01.08.2008

Biokost & Ökokult

Ist „Bio“ wirklich besser für Mensch und Natur als konventionelle Landwirtschaft? Die Wirtschaftsjournalisten Maxeiner und Miersch sind den angeblichen Vorteilen der Biolandwirtschaft nachgegangen.

Dirk Maxeiner, Michael Miersch: Biokost & Ökokult – Welches Essen ist wirklich gut für uns und unsere Umwelt, Piper-Verlag, 2008, 238 Seiten, 14 Euro.

Besprechung von Gunnar Sohn, Bonn:

Die Vorsilben „Öko“ und „Bio“ werden nach Ansicht der Umweltexperten Dirk Maxeiner und Michael Miersch zur Zeit an alles Mögliche geklebt, ohne dass jemand nachfragt, ob die so geadelten Produkte oder Verfahren tatsächlich einen Umweltvorteil bieten. Nicht überall, wo „grün“ drauf steht, sei auch „grün“ drin. Was in der Bevölkerung als ökologisch gilt, habe meist mehr mit geschickter Imagepolitik von Interessengruppen zu tun als mit Fakten. „Bio ist prima fürs Klima!“ werben Ökoagrarverbände und fordern einen „Klimabonus“ für ihre Betriebe. Ihr Argument: Wir sparen Mineraldünger, zu dessen Herstellung fossile Brennstoffe verbraucht werden. Konventionelle Bauern kontern: „Mehr Milch pro Kuh ist aktiver Klimaschutz!“ Ihr Argument: Konventionelle Höfe erzeugen mehr Milch, Fleisch und Eier pro Tier. Auch erreichen die Tiere ihr Schlachtgewicht viel früher, leben also kürzer und brauchen weniger Futter. Ergo: Sie stoßen weniger klimaschädliches Methan aus. Biosprit, Bionahrung oder Bioplastik – für Maxeiner und Miersch sind das hochtrabende Floskeln mit wenig Substanz. Die beiden Wissenschaftsjournalisten haben für ihr neues Buch „Biokost & Ökokult. Welches Essen ist wirklich gut für uns und unsere Umwelt” alle großen Untersuchungen und Meta-Studien recherchiert und kommen zu einem niederschmetternden Resümee. Es gebe keine Studie, die den Vorteil von Bio beweist: „Die Kritik an ‚industrieller Landwirtschaft’ und ‚entfremdeten Lebensmitteln’ ist schön bequem, aber auch pharisäerhaft. Da hat sich ein ganzer Treck von Sehnsüchten, Nostalgien und Naturverklärungen in Gang gesetzt, der nicht mehr nach Logik oder Fakten fragt. Landwirtschaft war schon immer unnatürlich, auch wenn das manche Verkünder des Biobauerntums gern ausblenden. Von unserer ursprünglichen Lebensweise als Jäger und Sammler haben wir uns vor 10.000 Jahren verabschiedet - und zwar unumkehrbar. Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner entstanden durch künstliche Selektion. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik. Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe sogar drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen zurückgedrängt haben, beispielsweise Räuchern und Pökeln. Plastikversiegelung, Dose, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel ‚entfremden’, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit“, so das Plädoyer der beiden Buchautoren.

Manche Biomethoden könnten sogar schädlicher für die Natur sein als die üblichen Arbeitsweisen. So müssten Biobauern, weil sie auf chemische Unkrautmittel verzichten, unerwünschten Pflanzenwuchs mit mechanischen Geräten aus der Erde reißen. Der Druck schwerer Maschinen verdichte den Boden und verschlechtere den Lebensraum der unterirdischen Kleintierwelt. Viele Konsumenten wüssten zudem nicht, dass auch Biobauern Pestizide spritzen. Sie dürften lediglich keine synthetisch erzeugten Chemikalien benutzen. Erlaubt seien pflanzliche Gifte, Mineralöle, Bakterienstämme und auch einige Chemikalien. Naturdünger, also Mist, Kompost oder Gülle könnten riskante Keime transportieren. Beim Obst- und Weinbau werden von den Ökobauern Kupferpräparate eingesetzt, mit schweren Folgen für die Umwelt, monieren Maxeiner und Miersch. Denn das Schwermetall sei toxisch für Bodenlebewesen, Fische, Vögel, Säuger und auch Menschen. Dietmar Groß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft kritisiert, dass Kupferpräparate immer häufiger eingesetzt werden. Da der Biobauer nur wenige wirksame Mittel habe, aber von Schädlingen und Krankheiten nicht verschont bleibt, werden beispielsweise die Bioäpfel zwölf- bis achtzehnmal mit Kupfer und Schwefel gespritzt:

„Massiver Landverbrauch, Gifteinsatz, hoher Energie- und Wasserbedarf, erhöhtes Aufkommen von Fäkalien und Methan: Die Umweltbilanz des Biolandbaus sieht nicht sehr gut aus. Obendrein gibt es noch eine andere schleichende Gefahr, die von Biohöfen ihren Ausgang nimmt und über die nur selten geredet wird: die biologische Schädlingsbekämpfung. Dabei werden Scharen von räuberischen Insekten und Spinnentieren ausgesetzt, die Obst, Gemüse und Ackerpflanzen von Schädlingen befreien sollen. Zwar werden Nebenwirkungen dieser Kampf-Insekten vor dem Einsatz nach gesetzlichen Vorgaben geprüft. Denn liegt im vertrauensvollen Umgang mit ihnen ein seltsamer Widerspruch. In den Erklärungen der Bioverbände gegen die Pflanzen-Gentechnik wird in grellsten Farben davor gewarnt, neue Organismen freizusetzen, selbst wenn diese vorher gründlich getestet wurden. Im Biolandbau werden jedoch landauf, landab fremde Organismen freigesetzt, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber aufregt. Dabei sind bereits ökologische Schäden nachweisbar.“

Maxeiner und Miersch entlarven aber nicht nur Ökomythen, die von umweltbewussten Konsumenten selten hinterfragt werden. Auch der ideologische Überbau der Ökoszene wird von den Wissenschaftsjournalisten durchleuchtet. Im Vordergrund ihrer Analyse steht die Weltanschauung der Demeter-Gemeinschaft, die sich seit über 80 Jahren der so genannten biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise verpflichtet fühlt. Hinter dem Begriff „Biodynamik“ steht unverblümt das esoterisch-okkulte Weltbild von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie. Auf Grundlage seiner Lehren bemüht man sich, die landwirtschaftliche Praxis mit dem zu verbinden, was für unsere normalen fünf Sinne verborgen ist. Die Steiner-Apologeten widmen sich dem „Unsichtbaren“: Es geht um „Mondrhythmen im Pflanzenwachstum“, „übersinnliche Erkenntnismethoden“ und um die astralischen Kräfte des Rindermistes, die bei der Vergärung aus dem Mist herausgetrieben werden. Zur „biologisch-dynamischen Landwirtschaft“ nach Steiner zählt auch das Vergraben von Kuhhörnern im Acker bei Vollmond. Die obskuren Vorstellungen für die Agrarwirtschaft sind eingebettet in ein nicht minder sonderliches Weltbild. Danach vollzog sich die Menschheitsentwicklung nacheinander auf sieben „Planeten“. Laut Steiner gab es keine Evolution. Vielmehr bildeten sich irgendwann „Lemurier“ und „Atlantier“ heraus, und aus letztgenannten die „Arier“, zu denen der selbst ernannte Meister sich selbst und die kultivierten Westeuropäer zählte – nicht aber die „verkümmerten Menschen“, deren Nachkommen heute noch als so genannte wilde Völker gewisse Teile der Welt bewohnen. Unverholen predigte Steiner rassistisches und antisemitisches Gedankengut. Das Judentum, schrieb er, „als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte“.

Als wunderlichen Esoterik-Schabernack könne man die Steiner-Ideologie deshalb nicht werten, so Maxeiner und Miersch. Dahinter stecke mehr. So schickte die Anthroposophische Gesellschaft 1934 einen offiziellen Brief an Adolf Hitler, in dem das Gemeinsame der beiden Weltanschauungen und Steiners arische Herkunft betont werden. Der NS-Staat förderte die biologisch-dynamischen Prinzipien unter einem neuen Begriff: „Lebensgesetzliche Landbauweise“. „Für viele in der Demeter-Gemeinschaft ist Biolandbau viel mehr als eine besondere Produktionsmethode, es ist eine Weltanschauung. Davon wissen die meisten Kunden allerdings nichts, wenn sie ein paar biologisch-dynamische Karotten kaufen. Rudolf Steiner ist einer der Fixsterne am Biohimmel. Deshalb sollte man sich seine Lehre ein wenig genauer anschauen, wenn man die Hintergründe der Biolandwirtschaft verstehen will“, so der Rat von Maxeiner und Miersch.

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